Freitag, 12. September 2014

Einfach mal schreiben... [Gedanken, Gefühle, die jeder nur aufschreibt, aber nicht laut ausspricht]

Einfach mal schreiben... Kennt ihr das? Wenn ihr nichts im Gedanken habt oder gar keine Vorstellung von dem habt, was jetzt kommt.
Kennt ihr das nicht? Einfach mal schreiben, nicht aufschreiben. Ich meine nicht, was dir gerade in den Sinn gekommen ist.
Während ich schreibe, wirst du dich wahrscheinlich fragen: Warum das Ganze? Nun ja,...
Erklären, will ich es nicht. Du ganz allein, musst schon von selbst darauf kommen, ob dir dein Kopf dabei nun hilft oder nicht.
Ist es Leid, frage ich? Ist es Kummer oder Sorgen? Bricht die Welt zusammen?
Meine Antwort dazu ist "ja", die Welt bricht zusammen. Für mich bricht die Welt zusammen. Immer wieder zu hören, dass Kinder im Gaza-Streifen unter Leid und schlimmen Gefahren leben.
"Ich war Fußball spielen", sagte er.
Na und! werden sich einige von euch denken. Ich mache auch manchmal Sport.
Was aber als nächstes passiert, könnt ihr euch nicht denken. Eine Bombe schlägt ein. Es ist dunkel. So furchtbar dunkel. Wo bin ich? Mama? Papa? Nichts...
Langsam gehen meine Augen auf. Nicht meine, seine. Ich sehe alles verschwommen. So verschwommen, dabei habe ich doch noch nie eine Brille gebraucht. Da ist er. PAPA.
Warum weint er denn? Ich schaue hinab und sehe nichts. Da, wo mein Bein mal war, ist nichts mehr.
Die Worte kommen nicht aus meinem Munde. Ich schließe meine Augen wieder, weil ich will, dass alles nur ein Traum bleibt.
Wie soll ich denn als Vater sagen, dass er nie wieder Fußball spielen kann? Wie kann ich sagen, dass du nie wieder "Kind sein" kannst? Könnt ihr das?
Ich nicht.
Ich habe doch nur noch ihn. Immer wieder Schreien sie, diese qualvollen Schreie. Es brennt in meinem Ohr, wie Feuer. Loderndes Feuer.
Aber nichts.
Von mir kommt einfach nichts. Nicht das eine Worte und nicht das andere.

Ich sitze in meinem Sessel. Eine kleine Wohnung, ein kleines Licht. Ganz grell brennt es über das Buch, dass ich gerade lese. Eben waren es noch die Kinder im Gaza-Streifen, doch wenn ich das Kapitel nun weiter schlage, was kommt dann?
Noch schlimmere Dinge, die wir nicht sehen, weil sie uns niemand zeigt? Schöne Dinge?
Aber was mache ich mir vor? Über schöne Dinge schreibt doch keiner. Nicht einer. Noch nicht einmal ich.
Ich will es nicht.
Wie kann ich über das Gute berichten, wenn es so viel Leid gibt.
Aber gerade dann sollten wir das "Gute" doch wertschätzen, oder..?
Langsam bläst der Wind in die Wohnung und bevor ich überhaupt reagieren kann, werden die Seiten meines Buches aufgewirbelt. Eine Seite nach der anderen schlägt sich von selbst um. Wie Magie.
Hingucken möchte ich aber nicht, sonst lese ich noch was, was ich nicht lesen möchte. Und wenn ich es dann lese, ist es schon gelesen. Und Gelesenes kann man nicht rückgängig machen.

Wenn ich jetzt weine, versteht ihr es vielleicht. Weinen. Genau.
Träne um Träne vergießen. Aber erst soll sich die Feuchtigkeit in meinen Augen sammeln. Ganz langsam, damit es dann immer mehr wird, bis sie sich nicht mehr halten können und einfach laufen.
Laufen.
Und immer weiter Laufen.
In einem Wettstreit. Und wer dann zuerst unten ankommt, hat gewonnen. Ich traue mich schon gar nicht mehr nach unten zu schauen, weil ich sonst diese gigantische Pfütze sehen werde.
Ich werde ihn ihr ertrinken.
Ganz langsam. Das Wasser wird mich verschlingen. 3 Minuten habe ich bevor meine Organe versagen und nachgeben. 3 Minuten habe ich für meine letzten Gebete. 3 Minuten habe ich, um an die zu denken, die vor mir gestorben sind. 3 Minuten um meinen Eltern ganz leise "tschüss" zu sagen.
Will ich das? Nein, ich will das doch alles nicht.
Aber genau das, versteht ja keiner. Nicht ich, nicht du und nicht der eine.
Der eine, der da drüben steht und starrt mich schon die ganze Zeit an. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt schon tot. Hör auf zu starren, will ich sagen. Aber vielleicht versteht er mich ja nicht. Wir sprechen gar nicht die selbe Sprache. Ich habe gehört, dass es auf der Welt zwischen 2.500 und 3.000 Sprachen gibt. Wo fange ich denn da an?
Am besten gar nicht. Einfach an ihm vorbeigehen. Aber wie kann ich denn? Weder meine Beine bewegen sich, noch höre ich auf seine Kleidung zu mustern. Er hat eine zerfetzte Jeans an. Und sein weißes Shirt ist ganz zerstört. Das T-Shirt war mal weiß. Jetzt hat es eine ganz andere Farbe. Ob er in einem Streit war?
Blut! Ich sehe Blut! Mein Herz schlägt schneller. So schnell, dass ich es gar nicht mehr in meinem Brustkorb halten kann. Ich kann es nicht zurückhalten. Es will raus. Es schlägt gegen meine Brust. Langsam fasse ich meine Brust an und zähle die Schläge mit. 1, 2, 3, ... Immer schneller immer weiter.
Ich schaue den Jungen nochmal an und sehe nichts in seinen Augen. Sie sind schwarz. Schwarz wie die Nacht. Auf einmal schüttelt er sich. Langsam und dann schneller.
Mit einem lauten Knall fällt er zu Boden. Wie?
Wie konnte das passieren?
Hier ist doch niemand?
Immer noch zittere ich.
Ich muss diesem Jungen helfen. Aber ich kann nicht. Ist es die Angst? Ist es, der nicht vorhandenen Mut?
Ich habe keinen Grund ihn einfach so liegen zu lassen. Er stirbt. Er schreit. Er reckt sich nicht. Er wird immer langsamer. Bis nichts mehr kommt.
Er schaut mich schon wieder an.
Wieder diese schwarzen Augen.
Aber so sind wir Menschen.
Wenn es hart auf hart kommt, laufen wir alle weg. Wir alle. Nicht einer bleibt stehen. Nicht einer sagt "Stopp". Wir alle laufen um unser Leben, dabei haben wir gerade eins verloren. Ich schaue auf die Uhr und zähle die Sekunden. Mit jedem "tick" stirbt ein anderer auf der Welt. Tick. Schon wieder. Tick. Wieder ein Toter. Tick, tick, tick, tick, tick....
Ich schreie.
Hört auf. Hört auf!
Hört auf Menschenleben auszulöschen!

....


Eure,
Müni

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